EPILOG
Berthold Brecht
Rede für den Frieden (1952) (11)
Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz, ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer.
Die Beschreibung, die der New Yorker von den Gräueln der Atombombe erhielt, schreckten ihn anscheinend nur wenig. Der Hambuger ist noch umringt von den Ruinen, und doch zögert er, die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben. Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen. Der Regen von gestern macht uns nicht nass, sagen viele.
Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben, ihr äußerster Grad ist der Tod. Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.
Und doch wird nichts mich davon überzeugen, dass es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen. Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!
Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.
Kurt Tucholsky
"Die brennende Lampe" (1931). (9)
Auszug
"Wenn ein jüngerer Mann, etwa von dreiundzwanzig Jahren, an einer verlassenen Straßenecke am Boden liegt, stöhnend, weil er mit einem tödlichen Gas ringt, das eine Fliegerbombe in der Stadt verbreitet hat, er keucht, die Augen sind aus ihren Höhlen getreten, im Munde verspürt er einen widerwärtigen Geschmack, und in seinen Lungen sticht es, es ist, wie wenn er unter Wasser atmen sollte –: dann wird dieser junge Mensch mit einem verzweifelten Blick an den Häusern hinauf, zum Himmel empor, fragen:
»Warum –?«..."
"...Eh du die letzte Zuckung tust, junger Mann: Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiß also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist. Das weiß man nicht. Man kennt nur staatlich verhetzte Jugend. Du bist ihre Frucht; du bist einer von ihnen – so, wie dein fliegender Mörder einer von ihnen gewesen ist.
Darf ich deinen Kopf weicher betten? Oh, du bist schon tot. Ruhe in Frieden. Es ist der einzige, den sie dir gelassen haben."
Ludwig Hirsch
Die gottverdammte Pleite (1978) (13)
"Als die Kinder Kröten nach Hause brachten
Und im Zirkus nicht mehr lachten,
Als sie ihr Brot nicht mehr aßen
Und statt dessen die Kröten fraßen,
Als sie Teddybären zerrissen
Und in Autoreifen bissen,
Als schliesslich Kindergaerten brannten
Und Lehrer um ihr Leben rannten,
Da wussten wir, es ist aus..."
Hannah Arendt
Wahrheit und Politik. Berlin 2006
„Wo Tatsachen konsequent durch Lügen und Totalfiktionen ersetzt werden, stellt sich heraus, daß es einen Ersatz für die Wahrheit nicht gibt. Denn das Resultat ist keineswegs, daß die Lüge nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern daß der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.“
Laudse: Daudedsching. (Laozi: Dao De Jing)
Übers. u. hrsg. von Ernst Schwarz
Vers 77
gleicht nicht das Dau des himmels
dem spannen des bogens?
das hohe wird herabgedrückt
das tiefe wird gehoben
vom überfluß wird abgekargt
das karge aufgewogen
das Dau des himmels nimmt vom überfluß
das karge aufzuwiegen
nicht so das Dau des menschen
es kargt vom kargen ab
den überfluß zu speisen
wer aber hat genug, mit seinem überfluß
die welt zu speisen?
doch nur der weise
so ist der weise:
tut und verlangt nichts für sich
nimmt nicht für sich, was er vollbracht
und will nicht gepriesen sein
Vers 78
nichts in der welt sit weicher und schwächer als wasser
und doch gibt es nichts, das wie wasser
starres und hartes bezwingt
unabänderlich strömt es nach seiner art
daß schwaches über starkes siegt
starres geschmeidigem unterliegt
wer wüßte das nicht? doch wer handelt danach!
so sagt der weise;
wer eines landes übel auf sich nimmt
ist wert, herr der altäre zu sein
wer eines landes unglück auf sich nimmt
ist wert, herr der welt zu sein
als gegenteil ist oft das wort erst wahr